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Die Adoptivtochter von Walter Ulbricht

In der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember 1991 wurde im Berliner Bezirk Lichtenberg in einer Wohnung in der Rummelsburger Straße eine Frau ermordet aufgefunden. Den Papieren zufolge handelte es sich um Beate Matteoli, 47 Jahre alt. Italienerin? Nein – das war der Name ihres ersten Mannes. Sie hatte auch andere Namen – Maria Pestunowa, Beate Polkownikowa, Beate Ulbricht… Ulbricht? Aber das ist doch der Name des Mannes, der viele Jahre die DDR anführte! Hatte die ermordete Frau etwas mit dem SED-Generalsekretär Walter Ulbricht zu tun? Ja – sie war seine Adoptivtochter.

Das tragische Schicksal von Beate begann unmittelbar nach ihrer Geburt. Sie kam 1944 in Leipzig zur Welt – als Tochter einer Frau aus der besetzten Ukraine, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden war. Wer ihr Vater war, ist unbekannt. Die Mutter starb bei einem Bombenangriff, das kleine Mädchen kam unter dem Namen Maria Pestunowa in ein Waisenhaus.

Im Januar 1946 besuchte ein älteres Paar das Heim – Walter Ulbricht und seine Lebensgefährtin Lotte Kühn. Sie waren noch nicht verheiratet. Walter war formell noch mit seiner ersten Frau verbunden, zu der er seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte, und Lotte hatte einen Mann, den sie verleugnete, als dieser im stalinistischen Gulag landete. Doch die beiden hatten einander gefunden und wollten ihre Beziehung bald offiziell machen. Da Lotte aus gesundheitlichen Gründen keine Kinder bekommen konnte, beschlossen sie, ein Mädchen zu adoptieren. Ihre Wahl fiel auf Maria Pestunowa. Warum gerade sie? Vielleicht auch aus politischen Gründen – deutsche Kommunisten konnten so ihre Fürsorge für ein Kriegsopfer zeigen, indem sie ein sowjetisches Kind in ihre Familie aufnahmen.

Die Adoption bedurfte der Zustimmung aus Moskau: Das in Deutschland geborene Mädchen galt als sowjetische Staatsbürgerin. Maria lebte bereits bei den Ulbrichts, als das ZK der WKP(b) begann, ihre Zukunft offiziell zu regeln. Inzwischen hatten Lotte und Walter geheiratet, und die Behörden gaben der Adoption statt – unter der Bedingung, dass das Mädchen die sowjetische Staatsbürgerschaft behielt. Nach Stalins Tod erhielt Maria Pestunowa einen neuen Namen: Beate Ulbricht.

Die neuen Eltern machten glänzende politische Karrieren, aber für ihre Adoptivtochter fanden sie weder Zeit noch Liebe. „Ich hatte Essen, Trinken und Kleidung, aber in diesem goldenen Käfig fehlte jede Zuneigung“, erinnerte sich Beate später. Sie kam auf eine angesehene russische Schule in Pankow, doch sie fand dort keinen Anschluss – die Konflikte mit Mitschülern gingen bis zu handfesten Schlägereien. In den schwierigen Teenagerjahren fehlte ihr jede familiäre Unterstützung.

Mit 15 wurde sie nach Leningrad geschickt, wo sie die Schule abschloss und am Herzen-Institut Geschichte und Russisch studierte. Jugend, Studentenleben, erste Liebe… Beate lernte den Sohn eines führenden Mitglieds der italienischen KP kennen. Sie brach das Studium ab, zog mit ihm nach Berlin, heiratete und nahm seinen Namen an – Matteoli. Doch ihre Rückkehr erfreute Walter Ulbricht, inzwischen der mächtigste Mann der DDR, keineswegs. Nicht einmal die Geburt der Enkelin änderte die kühlen Beziehungen. Die Eltern forderten die Scheidung – ob aus politischen Gründen oder aus persönlicher Abneigung, bleibt unklar.

Das junge Paar wollte nach Leningrad übersiedeln, doch kurz vor der Abreise nahm Walter Ulbricht seiner Tochter den Pass weg. Ivano Matteoli reiste allein, Beate blieb in Berlin. Erst nach zwei Jahren voller Skandale gab sie nach und ließ sich scheiden. Danach erhielt sie ihre Papiere zurück und konnte endlich die DDR verlassen. In Leningrad traf sie ihren Mann nicht mehr – dafür begegnete sie einem alten Schulfreund, Juri Polkownikow. Nach kurzer Romanze heiratete sie erneut. Er hatte eine gute Position, eine Wohnung im Zentrum, bald kam ein Sohn zur Welt. Doch familiäres Glück gab es nicht: Der Mann trank, schlug seine Frau, verursachte Skandale. Beate reichte die Scheidung ein und nahm wieder den Namen ihres ersten Mannes an – Matteoli. Nun hatte sie zwei Kinder und keinerlei Halt im Leben.

In Berlin wollten ihre Adoptiveltern nichts von ihr wissen. Ohne Ausbildung arbeitete sie als Löterin in einem Radiowerk, in einer Schuhfabrik, als Hilfsarbeiterin. Unterstützung durch die Eltern gab es nicht. Es folgten Alkoholprobleme.

1973 starb Walter Ulbricht. Beate kam, um sich zu verabschieden – und sah, wie Funktionäre ihr aus dem Weg gingen, keiner sprach sie an. Dem Vater war das gespannte Verhältnis zu seiner Tochter bewusst – er hinterließ ihr keinen Pfennig. Lotte Ulbricht bestand sogar darauf, dass Beates Kinder vom Jugendamt aufgenommen wurden. Beate stürzte endgültig ab. Ihre Wohnung wurde zum Treffpunkt zwielichtiger Gestalten, die nichts über ihre Vergangenheit wussten.

Im Herbst 1991 spürte eine Boulevardzeitung die Adoptivtochter des einst allmächtigen DDR-Führers auf und überredete sie zu einem Interview für ein kleines Honorar. Wenige Tage nach der Veröffentlichung fand man sie tot in ihrer Wohnung. Lotte Ulbricht erschien nicht zur Beerdigung. Der Mord ist bis heute unaufgeklärt.