Dima Vachedin spricht mit dem Berliner Bürgermeisterkandidaten Alexander King (BSW). GENAU und WIR.DE präsentieren eine Interviewreihe mit Spitzenkandidatinnen und -kandidaten der Parteien zur Berliner Wahl. Wir haben uns an alle Parteien gewandt, die eine Chance haben, ins Berliner Abgeordnetenhaus einzuziehen. Mit denjenigen, die geantwortet haben, hat GENAU-Chefredakteur Dima Vachedin gesprochen. Dies ist das sechste Interview dieser Reihe. Das Original des Interviews wurde auf Russisch veröffentlicht — dies ist die Übersetzung.Weitere Interviews finden Sie hier. Dima Vachedin:Die Umfragen zeigen: Die Linke liegt nach wie vor vorn. Warum soll man trotzdem das BSW wählen und nicht die Linke, wenn man eine linke Koalition möchte?
Alexander King:Ich würde die Linke nicht mehr wählen, und ich weiß, wovon ich rede — ich war ja lange Mitglied der Linken. Schon wegen ihrer unverantwortlichen Flüchtlings- und Migrationspolitik. Elif Eralp ist der Meinung, dass Deutschland offene Grenzen für alle Menschen auf der Welt haben soll, und jeder, der nach Berlin kommt, soll vom ersten Tag an in den Genuss des Sozialstaates kommen. Das würde unseren Sozialstaat innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen lassen, und wir würden endgültig die Kontrolle über die Zuwanderung verlieren.
Der zweite Grund ist, dass das BSW die einzige Friedenspartei ist. Die Linke, die Grünen und die SPD wollen alle Brücken nach Russland abbrechen, freuen sich über die Schließung des Russischen Hauses, wollen die sowjetischen Ehrenmäler mit QR-Codes versehen, die die Geschichte der Befreiung Berlins verzerrt darstellen. Die Linke hat über den Bundesrat die riesigen Kriegskredite mitgetragen, die Deutschland jetzt aufnimmt.
Dima Vachedin:Also noch schlimmer als die CDU?
Alexander King:Natürlich, viel schlimmer als die CDU. Die Linke ist eine Partei, in der alle nur nach einer Pfeife tanzen sollen. Deswegen haben Sahra Wagenknecht und ich die Linke auch verlassen. Wer Freiheit will, wählt uns.
Dima Vachedin:Es kann sein, dass in Russland im Herbst eine weitere Mobilisierungswelle stattfindet — soll Deutschland dann die Menschen aufnehmen, die deswegen fliehen?
Alexander King:Ja, natürlich. Jemandem, der nicht in einem Krieg getötet werden oder selber andere Menschen töten will, sollte man unbedingt helfen.
Dima Vachedin:Sie wollen die sowjetischen Ehrenmäler, wie in Treptower Park, schützen und nichts verändern. Bleiben dann auch die Stalin-Zitate in Treptower Park?
Alexander King:Diese Ehrenmäler stehen jetzt seit 1945. Wir sind jetzt im Jahr 2026. Bis jetzt haben diese Zitate zu keinen größeren gesellschaftlichen Erschütterungen geführt. Wenn ich im Treptower Park ein Stalin-Zitat lese, macht mich das nicht zum Stalinisten. Ich bin erwachsen, ich kann selbst entscheiden, in welchem Kontext dieses Zitat entstanden ist — dafür brauche ich keine Hilfe von den Grünen.
Dima Vachedin:Waren Sie selbst schon im Russischen Haus in Berlin?
Alexander King:Natürlich war ich schon im Russischen Haus. Ich habe mir eine Ausstellung über die Beteiligung von Russen im Widerstand gegen die Nazis in Deutschland angeschaut. Oder die Ausstellung über die beiden Piloten, die Spandau gerettet haben, indem sie das Flugzeug von den Wohnhäusern weggelenkt haben.
Dima Vachedin:Russland hat dieses Haus für seine Propaganda genutzt.
Alexander King:Auch die Goethe-Institute haben immer das Interesse, Deutschland positiv darzustellen. Man kann nicht erwarten, dass das Russische Haus die russische Regierung kritisiert oder die Agenda der Opposition vertritt — so funktioniert das nicht.
Dima Vachedin:Würden Sie auch die russische Botschaft besuchen?
Alexander King:Ich habe die russische Botschaft schon besucht. Ich bin Politiker, ich würde genauso die amerikanische wie auch die französische Botschaft besuchen.
Dima Vachedin:Wollen Sie die Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Moskau wiederbeleben?
Alexander King:Auf jeden Fall, das ist sehr wichtig. Städtepartnerschaften sind ein sehr vielversprechendes Feld, um den Dialog wiederzubeleben. Manche kritisieren die Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Tel Aviv, ich kritisiere das nicht — auch diesen Kanal kann man für eine Friedenspolitik nutzen. Trotzdem lehne ich die israelische Politik in Gaza ab.
Dima Vachedin:Ich habe ein paar Fragen zur Stadtpolitik. In Ihrem Programm wird die Wohnungsnot als größtes Problem der Stadt genannt. Stimmt das?
Alexander King:Jeder Berliner würde die Wohnungsnot als größtes Problem bezeichnen. In den letzten zehn Jahren sind die Mieten in Berlin um 70 Prozent gestiegen. Dafür tragen die Parteien Verantwortung, die die Stadt in diesen Jahren regiert haben. Man muss mehr bauen, den Mietmarkt regulieren, die städtischen Wohnungsunternehmen unterstützen. Ich habe selbst gerade eine Wohnung gesucht und bin auf Preise gestoßen, die weit von dem entfernt waren, was eigentlich zulässig ist. Ich hatte Glück, dass ich eine gefunden habe.
Dima Vachedin:Wie ist Ihnen das gelungen?
Alexander King:Weil ich als Abgeordneter relativ gut verdiene. Wäre ich Straßenkehrer, hätte ich nichts gefunden.
Dima Vachedin:Die Linke will, dass alle frei werdenden Wohnungen innerhalb des Rings als Sozialwohnungen vergeben werden. Sind Sie damit einverstanden?
Alexander King:Wir haben viele Überschneidungen mit der Linken in der Wohnungspolitik. Bei der Migration sehen wir das unterschiedlich, aber bei den Wohnungen denken wir ähnlich.
Dima Vachedin: Was macht man mit dem Tempelhofer Feld?
Alexander King:Die Freihaltung des Tempelhofer Feldes geht auf einen Volksentscheid zurück, den wir respektieren. Wenn man daran etwas ändern will, muss man die Bevölkerung wieder befragen. Ich bin nicht dafür, das Feld zu 100 Prozent für alle Ewigkeit freizuhalten — es ist eine landeseigene Fläche, die schon erschlossen ist, und es wäre logisch, dort etwas zu bauen. Aber ich bin für direkte Demokratie, deswegen muss man die Menschen fragen.
Dima Vachedin:Hat Berlin ein Problem mit Müll?
Alexander King:Was würden Sie sagen?
Dima Vachedin:Auf jeden Fall.
Alexander King:Ich finde, dass Berlin natürlich ein Problem hat. Ich war seit 40 Jahren nicht mehr in Moskau, aber ich stelle mir vor, dass es dort sauberer ist. Wie in jeder russischen Stadt wahrscheinlich. Aber das ist nur ein Ausdruck der allgemeinen Verwahrlosung, die unsere Stadt erlebt. Überall liegt Müll, daneben liegen Obdachlose, um die sich niemand kümmert, Drogenabhängige, Müllberge und eine kaputte U-Bahn. Berlin rutscht in jeder Hinsicht sehr schnell ab, und der Müll ist der Beweis dafür. Wenn ich meine Stadt liebe und mich den Menschen, die hier leben, verbunden fühle, werfe ich keine Verpackungen und Zigarettenstummel weg. Irgendetwas in unserer Gesellschaft funktioniert nicht richtig.
Dima Vachedin:Es gab vor Kurzem einen Brief des BSW an die AfD-Führung mit dem Vorschlag, ein paar gemeinsame Auftritte zu organisieren — im Grunde ein Angebot zur Zusammenarbeit. Was halten Sie davon, und was halten Sie von der Brandmauer gegen die AfD?
Alexander King:Wir unterstützen die Brandmauer nicht. Das ist undemokratisch — eine Partei, die von so vielen Wählern unterstützt wird, muss an politischen Entscheidungen teilhaben. Die AfD freut sich nur über dieses Kooperationsverbot, weil es die Partei nur stärker macht. Sie bleibt in der ewigen Opposition, während sich alle anderen Parteien an den Problemen des Landes die Zähne ausbeißen. Aber wenn man den Vertretern dieser Partei zuhört, haben sie keine besonders klaren Vorschläge, was sie eigentlich vorhaben. Mal sind sie für Russland, mal für die USA, mal für Israel, mal für die Palästinenser, mal für den kleinen Mann, mal für das Großkapital — und Letzteres kommt der Wahrheit wohl am nächsten. Deswegen muss man natürlich mit den Vertretern dieser Partei reden. Wie soll man sie sonst beim Wort nehmen.
Dima Vachedin:Würden Sie vor dem Publikum der AfD auftreten?
Alexander King:Selbstverständlich. Das sind ganz normale Menschen, genau wie die Wähler anderer Parteien.
Dima Vachedin:Wie war es für Sie in den letzten Jahren, als fast einziger Abgeordneter des BSW in diesem Haus? Wie fühlt sich das an?
Alexander King:Ich war allein gegen das ganze System. Einer gegen 158. Das ist ein ganz besonderes Gefühl. Seit die Linke mich und Sahra Wagenknecht im Oktober 2023 ausgeschlossen hat, bin ich völlig allein. Wenn man eine Rede hält und niemand einen unterstützt, weil man keine Verbündeten hat, muss man sich daran gewöhnen. Im Saal herrscht eisiges Schweigen, oder jemand ruft etwas Beleidigendes. Ich habe mich daran gewöhnt, und ich habe Kollegen in anderen Fraktionen, mit denen ich persönlich gut auskomme, aber meistens bin ich allein. Wenn Unterstützung kommt, dann von der AfD. Das belastet natürlich psychisch. Und danach, nach meiner Rede, kommen einzelne Abgeordnete von SPD oder CDU im Flur zu mir und sagen: „Tolle Rede, danke.“ — Warum hast du mich dann im Saal nicht unterstützt? — Du verstehst schon, wir können das nicht. — Verstehe ich. Aber unangenehm ist es trotzdem.