„Berlin soll das Russische Haus besetzen und daraus ein Haus der Demokratie machen“.
Werner Graf
Spitzenkandidat (Grüne)
Foto: @aanufriev
Dima Vachedin spricht mit dem Berliner Bürgermeisterkandidaten Werner Graf (Grüne).

GENAU und WIR.DE präsentieren eine Interviewreihe mit Spitzenkandidatinnen und -kandidaten der Parteien zur Berliner Wahl. Wir haben uns an alle Parteien gewandt, die eine Chance haben, ins Berliner Abgeordnetenhaus einzuziehen. Mit denjenigen, die geantwortet haben, hat GENAU-Chefredakteur Dima Vachedin gesprochen. Dies ist das fünfte Interview dieser Reihe. Das Original des Interviews wurde auf Russisch veröffentlicht — dies ist die Übersetzung.
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Dima Vachedin:
Wie ist es, für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin zu kandidieren, wenn man nicht hier geboren ist?

Werner Graf:
Ich finde, Berlin gehört Vielfalt und Durchmischung einfach dazu. Hierher sind schon immer Menschen gekommen. Das hat schon mit den Hugenotten im 16. und 17. Jahrhundert angefangen — sie haben den Spargel nach Berlin gebracht, und jetzt sind wir ganz stolz auf den Beelitzer Spargel. Oder auch die polnische Community, ohne die die Industrialisierung Berlins nicht vorstellbar ist. Polnische Arbeiter haben den Teltowkanal gegraben und den Reichstag gebaut. Berlin ist voller Vielfalt, wo man auch hinschaut. Deshalb sollte man nicht danach urteilen, woher man kommt, sondern vor allem, wo man will. Ich fühle Berlin, ich liebe diese Stadt, und das ist das Wichtigste.

Dima Vachedin:
Gab es bei Ihnen das Gefühl irgendwann mal, hey, ich bin ein Berliner jetzt?

Werner Graf:
Ich habe mich relativ schnell in diese Stadt verliebt und mich auch hier heimisch gefühlt. Bei mir hat das angefangen, als ich das erste Mal im Ostgut war — also der Vorgänger von Berghain.

Dima Vachedin:
Ah, echt? Noch in den Neunzigern?

Werner Graf:
Eher in den Nullerjahren. Die letzten Jahre des Ostguts habe ich noch mitgemacht, bevor es dann plattgemacht wurde. Als ich dort war, da habe ich schon gemerkt: Das ist mein Ding. Hier bin ich zu Hause.

Dima Vachedin:
Und wie finden Sie das Berghain?

Werner Graf:
Das Ostgut mochte ich lieber. Ich fand, das war ein bisschen kleiner, ein bisschen familiärer.

Dima Vachedin:
Nicht so hip, wahrscheinlich?

Werner Graf:
Ja. Das Berghain ist super, keine Frage. Ich bin auch froh, dass wir es haben, aber es ist mir einen Tick zu groß.

Dima Vachedin:
Es war ein sehr heißer Sommer. Was denken Sie über diese Hitzeperioden?

Werner Graf:
Berlin wird jedes Jahr heißer und heißer, das sehen wir an den Daten und spüren es auch. Wir hatten diesen Sommer auch sehr viele Hitze-Tote — deutlich mehr als sonst. Das trifft vor allem die Schwächsten — Menschen mit Krankheiten, ältere Leute. Wir müssen uns gut überlegen, wie wir die Stadt an solche Ereignisse anpassen können. Wir werden diese Klimakatastrophe, die auf uns zukommt, nicht komplett aufhalten können, aber wir können ihre Folgen abmildern.
Praktisch heißt das: Wir brauchen Bäume und Bänke, Trinkbrunnen und Uferpromenaden. Wir müssen die Wohnungen so umgestalten, dass sie kühl bleiben. Was wir aber nicht tun dürfen, ist, die letzten Grünflächen, die es in der Stadt noch gibt, zuzubetonieren. Wir brauchen überhaupt eine Bauwende. Wir müssen Wohnungen bauen, die sich die Menschen leisten können — Sozialwohnungen. Und wir müssen die Flächen nutzen, wo schon versiegelt ist oder die Flächen nutzen, die schon zu sind. Wir haben in Berlin über zwei Millionen Quadratmeter leerstehende Büroräume. Die müssen wir zu Wohnraum umbauen.

Dima Vachedin:
Und was ist mit Klimaanlagen? Als Grüner sind Sie davon ja offenbar kein großer Fan.

Werner Graf:
Ich verstehe jede Person, die im Augenblick ihren Raum klimatisiert. Man muss ja in der Nacht irgendwie schlafen können, und in manchen Wohnungen wird es über 30 Grad heiß. Aber natürlich haben wir uns als Grüne für den Weg der Klimaneutralität entschieden und bevorzugen andere Mittel — zum Beispiel Kühlung durch Fassadenbegrünung, Dachbegrünung oder das Pflanzen von Bäumen auf der Straße.

Dima Vachedin:
Hat Berlin ein Problem mit Müll?

Werner Graf:
Ich war letztes Wochenende in Warschau und habe gesehen, wie sauber es dort ist. Bei uns ist es wirklich sehr dreckig. Als ich jünger war, in den Nullerjahren, fand ich, das hatte etwas Raues, so ein bisschen Ehrliches, aber das ist längst vorbei. Jetzt denke ich, wir müssen diese Stadt sauber machen.
Wenn ich Regierender Bürgermeister werde, richte ich einen Steuerungskreis „Saubere Stadt" ein, zu dem ich alle einlade, die sich in der Stadt mit Sauberkeit beschäftigen — von den Bezirksämtern bis zu Bürgerinitiativen. Und dort müssen wir die Schritte entwickeln, die uns helfen, diese Aufgabe zu bewältigen. Klar ist, dass wir die Stadtreinigung weiter ausbauen müssen, wir setzen uns für kostenlose Sperrmülltage ein, aber wir müssen auch die Verantwortung der Menschen stärken. Die Menschen sollten ihre Straßen und Plätze als verlängertes Wohnzimmer begreifen, wo sie auch leben, sie begrünen, verschönern und sich dort auch gerne aufhalten. Das wird auch dazu führen, dass wir eine saubere Stadt haben.

Dima Vachedin:
Sie schlagen eine Verpackungssteuer vor. Was ist das für eine Idee?

Werner Graf:
Wir wollen auf Einweg-Verpackungen, die die Menschen einfach wegwerfen, eine Steuer erheben, damit der Anreiz für die Firmen größer wird, auf Mehrweg zu setzen. Es gibt positive Erfahrungen aus Tübingen, wo eine solche Steuer eingeführt wurde und die Müllmenge zurückgegangen ist. Allein in Berlin werden im Jahr 170 Millionen Einwegbecher verbraucht und weggeworfen.Und wenn wir das mit einer Verpackungssteuer deutlich zurückdrehen könnten, wenn wir ein System hätten, wo man überall seinen Becher holt und an jeder anderen Ecke wieder abgeben könnte, wenn da alle mitmachen würden, dann würde das aufhören.
Ich weiß noch ganz genau, wie groß der Aufschrei war bei der Einführung des Dosenpfands. Viele haben gesagt, jetzt geht die Welt unter, weil das so kompliziert ist. Faktisch hat sich jeder jetzt daran gewöhnt. Und die vielen rumfliegenden Dosen, die es früher auf der Straße gab, die gibt es nicht mehr.

Dima Vachedin:
In der Verkehrspolitik schlagen Sie eine groß angelegte Beschaffung neuer U-Bahn-Wagen vor. Warum?

Werner Graf:
Wir merken, dass der Nahverkehr schlechter wird — in der Qualität und vor allem in der Verlässlichkeit. Früher sind wir einfach zur U-Bahn oder zum Bus gegangen, ohne auf den Fahrplan zu schauen, weil man 3 bis 10 Minuten warten musste. Heute wartet man manchmal 20, 30 Minuten — das ist unmöglich, und das müssen wir ändern. Der jetzige Senat — CDU und SPD — schlägt uns eine Magnetschwebebahn und zehn neue U-Bahn-Linien vor, das heißt, er gibt Geld für teure Planungen und utopische Konzepte aus. Als wir in Berlin regiert haben, haben wir 1.500 U-Bahn-Wagen bestellt, und die jetzige Regierung hat die Bestellung gekürzt und gesagt, die Hälfte reiche aus. Aber wegen des Mangels an Wagen fahren die Bahnen jetzt seltener. Und das ist falsch. Lasst uns jetzt erst mal U- und S-Bahn wieder verlässlich machen, dass die wieder im Drei- bis Fünf-Minuten-Takt kommen, dass ich einfach hingehen kann und ich weiß, sie kommt. Auch jederzeit. Und dann über weitere Schritte reden, aber jetzt erst mal in diese Verlässlichkeit gehen.

Dima Vachedin:
Wie wollen Sie den Wohnungsmangel lösen?

Werner Graf:
Erstens nutzen wir die über zwei Millionen Quadratmeter leerstehenden Büroflächen — wir gründen eine Umbauagentur, die sie zu Wohnraum umbaut. Zweitens wollen wir mehr Sozialwohnungen bauen. Drittens wollen wir die Wohnungsunternehmen gesetzlich dazu verpflichten, einen Teil ihres Bestands zu Sozialkonditionen zu vermieten. Im Augenblick kommen kaum neue Sozialwohnungen auf den Markt — und sie sind viel zu gefragt. Wir brauchen mehr Sozialwohnungen.

Dima Vachedin:
Und wie ist es mit der Vermietung möblierter Wohnungen? Das ist in der russischsprachigen Community weit verbreitet, die Mieter werden dabei ordentlich abgezogen.

Werner Graf:
Dieses Modell nutzt eine Gesetzeslücke, um die Mieten überteuert zu halten und die Mieter all ihrer Rechte zu berauben. Wir haben bereits ein Netz von Mieterberatungen aufgebaut und wollen sie in verschiedenen Sprachen anbieten — auf Polnisch, Russisch, Ukrainisch. Menschen, die neu in Berlin sind, trauen sich nicht, den Vermieter auf ihre Rechte hinzuweisen. Dabei kann das Landesamt für Wohnungswesen helfen, das die Eigentümer zwingt, sich an das Gesetz zu halten.
Das Problem ist, dass die Gesetzgebung in diesem Bereich sehr kompliziert ist — ich versuche seit Jahren, mich da durchzuarbeiten, und es gelingt mir nicht, dort verschlingen sich Bundes- und Landesregeln, nichts ist klar. Für Menschen, die gerade erst angekommen sind, ist es noch schwerer. Deshalb gehen die Leute selten vor Gericht. Aber wir müssen die Regelverstöße verfolgen, und wenn jemand mehrmals bei illegaler Vermietung erwischt wird, müssen wir ihm die Erlaubnis entziehen, seine Wohnung zu vermieten, und ihn zwingen, seine Immobilie zu verkaufen. Wir wollen, dass Vermieter und Mieter auf Augenhöhe miteinander umgehen, dieses Ungleichgewicht muss weg.

Dima Vachedin:
Was macht man mit dem Tempelhofer Feld?

Werner Graf:
Nichts, wir lassen es einfach frei. Für mich ist das Tempelhofer Feld eine Herzenssache. Wenn ich dort hingehe, finde ich, das ist einmalig auf der Welt. Wir haben diese große Fläche geöffnet, und die Menschen sind gekommen und haben sie mit Leben gefüllt. Die Leute gehen kitesurfen, joggen, chillen auf der Wiese. Das ist alles von unten entstanden, mit einem Zirkus, einem Luftschloss und kleinen Gemeinschaftsgärten.
Außerdem ist das einer der Gründe, warum Touristen nach Berlin kommen. Und Touristen sind enorm wichtig für die Wirtschaft. Dort finden auch Konzerte statt — die Toten Hosen und die Ärzte haben dort gespielt. Warum machen wir das nicht öfter? Dass Adele lieber in München aufgetreten ist und Taylor Swift in Gelsenkirchen, finde ich schade. Wir müssen Berlin wieder attraktiv machen.
Es heißt, das Feld könnte man bebauen, aber wir haben auch anderswo Flächen zum Bauen — zum Beispiel auf dem Gelände des Flughafens Tegel. Berlin kann in die Höhe wachsen, wir brauchen Hochhäuser. Schluss mit den endlosen Luftschlössern — wir sollten einfach das nutzen, was es schon gibt. Das wäre einfacher und günstiger.

Dima Vachedin:
Noch ein paar Fragen zur möglichen Koalitionsbildung — gestern habe ich mit einem Freund gesprochen, der meinte, die beste Zeit in Berlin sei die rot-rot-grüne Koalition mit Ihrer Beteiligung gewesen.

Werner Graf:
Ja, das finden wir auch.

Dima Vachedin:
Ist eine Wiederholung realistisch? Rein rechnerisch müsste es ja aufgehen.

Werner Graf:
Ich möchte natürlich gerne Regierender Bürgermeister von Berlin werden. Ich glaube, es würde Berlin gut stehen, einen grünen Bürgermeister zu haben. Aber vor allem wollen wir eine Regierung, die nach vorne geht. Und wir wollen dieses Rückwärts des jetzigen Senats beenden, der Radwege abbaut, der von goldenen Brücken redet, statt sich um Sport- und Bolzplätze zu kümmern, die die Menschen brauchen. Also ja, wir finden, mit SPD und Die Linke haben wir in der Koalition mehr Schnittmengen.

Dima Vachedin:
Und würden Sie auch eine Koalition mit der CDU eingehen?

Werner Graf:
Wenn wir alle Programme nebeneinanderlegen, haben wir mit SPD und Die Linke deutlich mehr gemeinsam. Aber es geht vor allem nicht um Farbkombinationen, sondern darum, wie Berlin aus diesem Rückwärts herauskommt. Das treibt uns um.

Dima Vachedin:
Und was macht die SPD? Entscheidet sie sich für Die Linke oder für die CDU?

Werner Graf:
Das müssen Sie die Sozialdemokraten selbst fragen. Aber es hat mich geärgert, dass sie sich letztes Mal für eine Koalition mit der CDU entschieden und Kai Wegner zum Bürgermeister gewählt haben. Ein sozialdemokratischer Bürgermeister wäre damals die bessere Option gewesen. Jetzt wollen wir lieber einen Grünen.

Dima Vachedin:
Letzte Frage — zum Russischen Haus.

Werner Graf:
Es wird endlich geschlossen, und das ist eine gute Nachricht für Berlin. Die Bundesregierung und der Senat haben sich lange genug auf der Nase herumtanzen lassen. Solange Russland Teile der Ukraine besetzt, sollte Berlin das Russische Haus besetzen und daraus ein Haus der Demokratie machen. Dort sollen demokratische Initiativen arbeiten, das soll ein Ort der Freiheit sein.
Werner Graf (Grüne) | Foto: @aanufriev
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